Umsorgende Gemeinschaften aufbauen

Ein Beitrag von Dr. Thomas Diller

Eine der zentralen Herausforderungen für unsere Gesellschaft ist die zunehmende Alterung unserer Mitbürger*innen. Wie gelingt die Schaffung eines erfüllenden und würdigen Lebensraums für die alternden, mit (langsam) abnehmenden Fähigkeiten konfrontierten Frauen und Männern? Was sind die Bedürfnisse und wie lassen sich diese in Anbetracht beschränkter Ressourcen und der Bedürfnisse der anderen Teile der Gesellschaft erfüllen?

„Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürger*innen Gesundheit ermöglichen.“ (WHO Ottawa Charta) Mit dieser Einsicht hat die Weltgesundheitsorganisation für das Wohlergehen der Menschen den „Weg in die Zukunft“ vorgezeichnet, bereits 1986. Gesundheit steht dabei für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten.

Die mit dem demographischen Wandel einhergehende zunehmende Zahl an älteren und alten Menschen (der Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen wird in den nächsten 20 Jahren von derzeit 19% auf 28% ansteigen; Statistik Austria) überfordert zunehmend unsere Gemeinschaften, insbesondere in denen wir leben. Wir sind in Österreich mit folgenden Herausforderungen konfrontiert:

  • Die erlebte Gesundheit der Bevölkerung ist im Vergleich schlecht. Die Erwartung beschwerdefreier Lebensjahre ist in Österreich mit 57,0 Jahren bei Frauen bzw. 56,8 Jahren bei Männern deutlich hinter dem EU-Durchschnitt von 64,2 bzw. 63,7 Jahren (Eurostat). In Schweden, mit einer nahezu gleichen Lebenserwartung (Frauen 84, Männer 80 Jahre), haben Schwedinnen in ihrem Leben 11 Lebensjahre mit Beschwerden zu erwarten, Österreicherinnen hingegen 27 Lebensjahre mit Beschwerden, bei den Männern 7 zu 22 Lebensjahre mit Beschwerden. 
    Auch wenn sich Österreich die Verbesserung der Erwartung beschwerdefreier Lebensjahre als oberstes Gesundheitsziel gesetzt hat, sinken die Werte dieser Kennzahl für Österreich in den letzten Jahren.
  • Der zunehmende Pflegebedarf für unsere älteren und alten Mitbürger*innen kann immer schwerer erfüllt werden. Die finanziellen und personellen Kapazitäten erreichen ihre Grenzen.
  • Trotz größter Anstrengungen gelingt es nur unzureichend qualifiziertes Pflegepersonal für die Unterstützung in den Lebenswelten zu gewinnen bzw. zu halten.
  • Es liegt vor allem an den Angehörigen für die alten Menschen zu sorgen, die Last wird immer größer und ist für viele kaum mehr zu tragen.
  • Mit dem Altern gehen zunehmende Einschränkungen der Fähigkeiten einher, wodurch Standard-Angebote für ältere und alte Menschen unzureichend werden. Das betrifft das Wohnumfeld genau so wie die öffentliche Infrastruktur, das kulturelle und das soziale Leben. 
  • Die Einsamkeit greift speziell unter den alten Menschen um sich. Familienverbände werden kleiner und/oder streuen sich in die Welt, abnehmende Mobilität, fehlende Zentren und unterbliebene oder verlorene Verbindungen tun ein Übriges.
  • Sozial benachteiligte ältere und alte Menschen trifft es besonders. Es fehlt ihnen an Wissen, Beziehungen, Geld und vor allem am Vertrauen, mit anderen mithalten zu können, ein wertgeschätzter Teil der Gemeinschaft zu sein.

In Gemeinden, in Stadtteilen wird den älteren und alten Bewohner*innen bereits eine nicht geringe Zahl an Angeboten unterbreitet, die öffentlich Verantwortlichen sind bemüht, Profit- und Non-Profit-Agierende sind mit Dienstleistungen vor Ort. Das Handeln ist dabei von einer Versorgungshaltung geprägt, der Bevölkerung sollen bei Auftreten von Problemen Lösungen bereitstehen. Finden die Menschen die benötigten Leistungen nicht von selbst, wird Beratung geboten. Trotz allem stellen sich die erwähnten Herausforderungen, die Grenzen des Möglichen werden erreicht.

Die Lösung liegt in der Änderung der Denkweise, hin zu einer Haltung des Umsorgens. Statt aus der ExpertInnen-Perspektive die alten Menschen zu versorgen, gilt es mit den älteren und alten Menschen eine Gemeinschaft aufzubauen, die nicht nur ihre Defizite und Risiken, sondern auch ihre Ressourcen und Potenziale, im Blick hat, die unter ihrer aktiven Beteiligung Bedarfe erhebt, Lösungen entwickelt und bereitstellt. Nicht etwas komplett Neues wird geschaffen, Vorhandenes wird integriert, adaptiert, ergänzt. 

Eine umsorgende Gemeinschaft begleitet die alternden Menschen beim Wandel ihrer Fähigkeiten, entsprechend ihrer Möglichkeiten können sie sich einbringen, entsprechend dem zunehmenden Bedarf an Hilfe erhalten sie Unterstützung. 

Erste Handlungsebene ist die Stärkung der alternden Menschen im Selbstmanagement, damit sie für sich und andere sorgen und Kontrolle über ihre Lebensumstände ausüben können. Können sie nicht mehr alles bewältigen, steht als zweite, ergänzende Handlungsebene ein informelles Netzwerk, über die Familie hinaus, zur Seite. Reicht das nicht mehr aus, kommt als dritte Handlungsebene eine professionelle Stütze hinzu. Indem diese bereits das Empowerment der Menschen und den Aufbau des informellen Netzwerks begleitet, besteht Einblick und Vertrauen, über fundierte Fachkenntnisse in Gesundheits- und Krankenpflege kann unmittelbar geholfen werden. Erst dann, als vierte Handlungsebene, kommen die professionellen Versorgungsleistungen. 

Wie gut so ein System, bei dem nicht die Versorgungsleistenden, sondern die betroffenen Menschen, im Zentrum stehen, funktioniert, zeigt in den Niederlanden die Pflegeorganisation Buurtzorg (zu dt. Nachbarschaftssorge) auf eindrucksvolle Weise.

Kritischer Erfolgsfaktor für die umsorgende Gemeinschaft ist die professionelle Stütze. Die genaue Ausgestaltung wird sich an den bereits vorhandenen Strukturen orientieren; eine Möglichkeit wäre, wie es sich im Regierungsprogramm findet, die Implementierung einer Community (Health) Nurse.

Die umsorgende Gemeinschaft begleitet in der Lebensphase des Alt-Werdens, fördert Potenziale, strebt im Miteinander nach dem Hinausschieben von Pflegebedarf und Erkrankungen und hält ein Netz an Unterstützungsleistungen vor Ort bereit. 
Entscheidend ist die aktive Beteiligung der älteren und alten Menschen: der Aufbau einer Beziehung zu den Menschen, ihr Erleben gesehen und gehört zu werden, die explizite Wertschätzung des Beitrags, den sie zu leisten in der Lage sind, und das Zugestehen des Rechts mitzubestimmen sind die Grundvoraussetzungen (Axel Honneth: Der Kampf um Anerkennung, 1994). 

Der Ausbau einer umsorgenden Gemeinschaft erfolgt über einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess aus Aktion und Reflexion, begleitet durch ExpertInnen, erfahren in Beteiligungsprozessen, regionaler Entwicklung und Gesundheitsförderung. Es gilt: die älteren und alten Menschen zu hören und einzubinden, die Ressourcen und Potenziale der älteren Menschen zu heben (die Erfahrung zeigt hier großes Interesse), im Dialog von einer versorgenden zu einer umsorgenden Haltung zu finden, vorhandene Angebote und Expertisen zu vernetzen und die professionelle Stütze als dritte Handlungsebene passend zu den Gegebenheiten zu entwickeln und zu etablieren. Ein Prozess entsprechend der Qualitätskriterien der Gesundheitsförderung: ressourcenorientiert, partizipativ, auf Empowerment zielend, sozial Benachteiligte speziell berücksichtigend, vernetzend und settingorientiert.

Umsorgende Gemeinschaft sind ein Gewinn für alle. Die älteren und alten Menschen gewinnen beschwerdefreie Lebensjahre (allein schon formale soziale Teilhabe reduziert chronische Erkrankungen; Santini et.al., 2020) und ihren Bedarfen angepasste Leistungen. Der aufsuchende Zugang sichert, dass sozial Benachteiligte Anschluss finden. Die Hinwendung auf den Menschen als Ganzes – nicht nur als Summe von einzelnen Versorgungsleistungen – bereichert die Arbeit der Gesundheits- und Krankenpflegenden, wird ihrem Anspruch zu ganzheitlich helfen gerecht. Die öffentlich Verantwortlichen gewinnen Gestaltungsraum; statt nur vom Problemdruck der Versorgung von Krankheit und Gebrechen getrieben zu werden, richtet die Umsorge den Blick auch auf die Vorsorge von Krankheit und Gebrechen und hebt vor allem Ressourcen durch die Nutzung der Potenziale der Bevölkerung, durch die Vernetzung der vorhandenen Angebote und auf längere Sicht durch das Sinken des Versorgungsbedarfs.

Bilder: © iStock, privat

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