Die Kulturhauptstadt war da

Foto: Coco Alma Maria Bayer

Es gibt viele Ideen. Worauf wartet die Region?

conSalis-Mitglied Günther Marchner ist neben seiner beruflichen Tätigkeit in der Organisations- und Regionalentwicklung auch Obmann einer regionalen Kulturzentrums im steirischen Salzkammergut: dem Woferlstall in Bad Mitterndorf. In dieser Funktion war er im Rahmen der „Kulturhauptstadt Bad Ischl Salzkammergut“ im Jahr 2024 auch an Kulturhauptstadt-Projekten des Vereines federführend beteiligt. Die Erfahrungen dieses Jahres und auch die Nachwirkungen dieses Jahres waren für Günther Marchner Anlass für eine kritische Reflexion. Der hier vorliegende Text wurde im Sommer 2025 in der „Alpenpost – Zeitung des steirischen Salzkammergutes“ veröffentlicht.

Die Idee der Europäischen Kulturhauptstadt besteht, so das Amtsblatt der Europäischen Union, in der Vermittlung der kulturellen Vielfalt und des kulturellen Erbes einer Stadt bzw. Region sowie in Impulsen für ihre Entwicklung und der Stärkung des Kultur- und Kreativsektors. Bisherige Kulturhauptstädte haben diesen Titel zum Anlass genommen haben, um das zu tun. Ist der Sinn einer Kulturhauptstadt im Salzkammergut wirklich überall angekommen, vor allem im steirischen Teil?

Beobachtungen im Rückblick

Als Mitglied des Bad Mitterndorfer „Woferlstall“, der als Bühne für musikalisch-künstlerischen Nachwuchs und für Dialoge zur Verfügung steht und sich im Rahmen der Kulturhauptstadt mit Projekten engagiert hat – dies auf Grundlage einer guten Kooperation mit dem Kulturhauptstadt-Team – , halte ich rückblickend einige Beobachtungen fest:

  • Die Kulturhauptstadt-GmbH hat, nicht überraschend, ihre Performance in höchsten Tönen als großen Erfolg bezeichnet. Ihre Botschaft einer „Erfolgsgeschichte“ wurde in den 23 betroffenen Gemeinden jedoch durchaus unterschiedlich aufgenommen, zum Teil stieß sie auf offene Ablehnung. Nicht wenige Vertreterinnen und Vertreter von Gemeinden, Vereinen und aus der Wirtschaft konnten in der Kulturhauptstadt nichts Positives sehen.
  • Insgesamt war die Kulturhauptstadtzeit von Polarisierung geprägt und als lokale Kulturinitiative fühlten wir uns eingeklemmt: Zwischen die Kulturhauptstadt-GmbH auf der einen Seite, die, getrieben von Zeit- und Erfolgsdruck, ihr Programm quasi durchziehen musste, kombiniert mit einem – nicht nur mir – arrogant erscheinenden Auftreten der Intendantin. Auf der anderen Seite befand sich eine gemischte Gruppe, die ich der Einfachheit halber als „Traditionalisten“ bezeichne, welche ihr grundsätzliches Unverständnis gegenüber der Kulturhauptstadt und zeitgenössischen Kunstformen praktizieren konnten.
  • Beobachtbar war natürlich auch eine Gruppe von Enttäuschten, die bei jedem kulturellen Großevent entsteht (manchmal gehör ich auch dazu). Dieses Phänomen hat mit der fehlenden Einbindung von Nachwuchskräften und relevanten „Playern“ aus der Region zu tun.
  • Ebenso war die Einbettung des Kulturhauptstadtjahres in den polarisierten gesellschaftlich-politischen Rahmen unserer Republik wahrzunehmen. Vor allem, wenn eine nationalpopulistische und inzwischen auch in Landesregierungen verankerte Partei gegen alles wettert, was nicht in ihr geschlossenes Welt- und Hass-Bild passt. Und die Kulturhauptstadt passte da wahrlich nicht hinein.

Kultur als neues Salz – ohne gemeinsame Vision und Kooperationsgeist?

Mir scheint, dass es zum Sinn der Kulturhauptstadt manch falsche Erwartungen (z.B. kurzfristige wirtschaftliche Effekte, Feiern des Immer Gleichen) gegeben hat. Aber wurde Kultur tatsächlich auch als langfristiger Impuls, als „Salz“ für die Zukunft verstanden? Im Bewerbungsbuch zur Kulturhauptstadt war natürlich eine Vision davon zu finden, ebenso bei einzelnen Kulturschaffenden und manchen Bürgermeistern. Aber es entstand daraus keine gemeinsame motivierende Kraft in der Region.

Um neue Impulse für die Zukunft zu setzen braucht es Visionen und Kooperationsgeist. Angesichts dieser Anforderungen ist ein Blick auf gewachsene Verhältnisse hilfreich: Das Salzkammergut stellt nur als Tourismusregion ein gemeinsames Bild dar. In der Realität handelt es sich um eine sozial wie politisch zerklüftete Landschaft – entsprechend ihrer topografischen Gegebenheiten zwischen den diversen Kalkstöcken und deren Abflüssen. Man sieht in der Regel nur bis zum nächsten Ortsschild und die historisch gewachsenen Trennungen zwischen Gemeinden, Kleinregionen und Bundesländern scheinen tatsächlich stärker zu sein als der Wunsch nach Gemeinsamkeit. Kurz gesagt: Das Salzkammergut ist schön, aber es ist weder visionär noch kooperativ. Die Kulturhauptstadtidee scheint an diesen Verhältnissen und an kleinkariertem Denken zerbröselt zu sein – wie viele andere größere Vorhaben in der Region.

Beziehungsdrama statt Kommunikation auf Augenhöhe

Den Kommunikationsstil der Kulturhauptstadt-Intendantin erlebte ich als hochproblematisch. Vor allem auf der steirischen Seite hat sich zwischen ihr und der Region eine permanente Verteidigungs- oder Angriffskommunikation entwickelt. Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass es seitens der Intendantin unreflektierte Vorurteile gegenüber der Region gibt. In einem direkten Gespräch mit ihr ist in mir der Verdacht gewachsen, für einen ahnungslosen Provinz-Dodel gehalten zu werden. Man muss der Intendantin allerdings zu Gute halten, dass sie das offene Wort pflegte. Und man muss ihr zugestehen, dass sie unter Zeitdruck einen Großevent unter Erfolgsdruck durchziehen musste – da bleibt nicht viel Zeit für Diskussionen und ähnliche Ablenkungen (übrigens hat sie, trotz Ankündigung, keinen einzigen unserer rund 30 Termine im Woferlstall besucht).

Wenn ich mir jedoch den Anspruch erlaube, das Projekt der Kulturhauptstadt als wertschätzenden Einbindungs- und Kommunikationsprozess auf Augenhöhe zwischen allen Beteiligten in einer Region zu verstehen, so muss ich feststellen: Das ist ordentlich danebengegangen. Gerade dem Ausseerland, einer traditionsbewussten Kulturlandschaft und alten Tourismuslandschaft, mit einer starken Wechselbeziehung zu urbanen Zentren, Kultur „bringen“ zu wollen, wie es die Kulturhauptstadt zuweilen suggerierte, musste starken Widerspruch nach sich ziehen.

Darüber hinaus habe ich auch den Eindruck gewonnen, dass die Kulturhauptstadt sehr stark von externen Netzwerken als Bühne genutzt und gleichzeitig die Region als „Provinz“ im schlechten Sinne behandelt wurde.

Durchziehen statt Einbindung und Entwicklung

Dem Projekt der Kulturhauptstadt fehlte meines Erachtens ein längerfristiger Einbindungsprozess von Aktiven aus dem Kulturbereich, aus Gemeinden und aus der Wirtschaft der Region selbst. Es fehlte das Entfachen eines Feuers, das bei den Initiatoren durchaus loderte. Wenn schon der Anspruch besteht, dass eine Region mitzieht, dann muss es auch eine entsprechende Einbindung geben – wie immer dieser Prozess auch aussieht. Dafür braucht man aber mehr Zeit als man zur Verfügung hatte bzw. haben wollte. Aber vielleicht ist einfach der verlockende Gedanke eines gemeinsamen Projekts vieler Gemeinden über Bundesländergrenzen hinweg allzu schön, um jene Barrieren wahrzunehmen, die das verhindern.

In der Realität gestalteten sich Kommunikation und Kooperation zwischen Kulturhauptstadt-GmbH und der Region sehr holprig. Manche Partner aus Kultur, Gemeinden und Tourismus wurden durch fehlende Kommunikation und mangelnde Verbindlichkeit vor dem Kopf gestoßen. Wenn die Kooperation zwischen Kulturhauptstadt und Gemeinden, wie zum Beispiel im Fall von Bad Mitterndorf, nicht funktioniert und sich niemand für wirksame Bewerbung und Unterstützung verantwortlich zeichnet, dann darf es nicht verwundern, dass kaum jemand von Projekten wie „Art Your Village“ oder der Bespielung von Bahnhöfen weiß und in der Folge nur peinliche Auftritte ohne Publikum oder hochqualitative Präsentationen in verwaisten Bahnhöfen stattfinden. 

Mir San mir“-Kultur

Was besonders irritiert ist jedoch die Haltung von manchen Vertreterinnen und Vertretern von Gemeinden, Vereinen und Unternehmen der Region: eine Haltung der Ignoranz und einer verborgenen bis unverhohlenen Ablehnung gegenüber der grundsätzlicher Idee der Europäischen Kulturhauptstadt. Entscheidungsträger, die sich tatsächlich aktiv engagierten, waren in der Minderheit. Es fehlte an Offenheit und Bereitschaft, sich über gewohnte Vorstellungen hinaus mit Neuem und Unbekanntem auseinander zu setzen. 

Im Salzkammergut wird nicht selten betont, eigensinnig und anders zu sein als die anderen: Aber derartige vermeintliche Eigenschaften haben immer zwei Seiten: Sie können zu einem überheblichen Stolz werden, der in eine Sackgasse führt, zu einem Eigensinn, der ins Lächerliche geht, zu einer Haltung, die in hinterwäldlerische Abschottung führt. Wir wissen alle, wohin das führt. Mit einer derartigen Haltung kann man die Idee der Kulturhauptstadt gar nicht als Chance nutzen, sondern sie nur als Belästigung empfinden. Und nur diejenigen, die sich darauf positiv und konstruktiv eingelassen haben, konnten damit auch etwas anfangen.

Es gibt viele Ideen. Worauf wartet nun die Region?

Die Botschaft der Kulturhauptstadtidee: Vermittlung von kultureller Vielfalt, Besinnung, Entwicklung und in die Zukunft schauen, halte ich für bedeutsam und sinnvoll.

Denn was wäre das Gegenteil?

Nun gibt es eine Menge an Ideen, die während der Kulturhauptstadtzeit nicht realisiert werden konnten. Das Kulturhauptstadtjahr ist vorbei. Aber das kreative Potenzial dieser Ideen – von jungen Menschen aus der Region bis hin zu engagierten älteren Zweiheimischen – ist nach wie vor da. Diese Ideen können dazu beitragen, Engagement zu fördern und die Attraktivität der Region zu steigern – wenn man das möchte. Dabei geht es nicht nur ums Geld. Es geht auch um intelligente Formen, Ressourcen zu bündeln und zu kooperieren. 

Dafür braucht es auch einen Dialog, der derzeit nicht stattfindet. 

Man spricht zwar von Nachhaltigkeit, aber man übersieht die Verantwortung dafür in der Region selbst. Worauf warten Entscheidungsträger, um vorhandene Ideen und das kreative Potenzial der Region zu unterstützen?

Foto: Coco Alma Maria Bayer

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