Wie gelingt es, älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben in ihrem gewohnten Umfeld zu ermöglichen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Projekts „Umsorgende Gemeinschaft“, das in Salzburg zwei Jahre lang erprobt wurde. Das Ziel: Alte Menschen nicht nur zu betreuen, sondern sie aktiv in die Gestaltung ihrer Lebenswelt einzubinden. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt – Erkenntnisse, die für Gemeinden und soziale Initiativen relevant sind.
1. Das Modell funktioniert – aber es braucht Zeit
Die Idee einer umsorgenden Gemeinschaft, in der ältere Menschen sich gegenseitig unterstützen und in ein lokales Netzwerk eingebunden sind, hat sich als tragfähig erwiesen. Doch ein solches Modell wächst nicht von heute auf morgen. Zwei Jahre reichten gerade aus, um wichtige nachhaltige Strukturen aufzubauen. Für eine fortwährende Verankerung braucht es mindestens drei Jahre – Zeit, in der Vertrauen wächst, Netzwerke stabil werden und sich eine Kultur der Mitgestaltung entwickeln kann.
2. Vom Versorgt-Werden zur aktiven Beteiligung
Viele ältere Menschen sind es gewohnt, dass für sie gesorgt wird. Doch eine „Umsorge-Haltung“ setzt darauf, dass Menschen selbst aktiv werden, ihre Bedürfnisse äußern und sich gegenseitig unterstützen. Dieser Perspektivenwechsel – von „Ich brauche, also versorgt mich“ zu „Ich will, also tue ich etwas dafür“ – braucht gezielte Begleitung und Zeit. Die Erfahrung zeigt: Wer einmal erlebt, dass eigenes Engagement die Lebensqualität verbessert, bleibt dabei.
3. Pflegefachkräfte als Türöffner
Eine zentrale Erkenntnis war, dass pflegefachkompetente Begleiter:innen eine Schlüsselrolle spielen. Ihr Fachwissen, ihr Zugang zu vulnerablen Gruppen und ihr gesellschaftliches Ansehen erleichterten es, Vertrauen zu den älteren Menschen aufzubauen. Sie waren es, die aktiv auf Menschen zugingen, niederschwellige Beratungen anboten und dabei halfen, Unsicherheiten abzubauen.
4. Ehrenamt braucht klare Strukturen
Freiwilliges Engagement entsteht nicht von selbst. Klare Rahmenbedingungen, eine kontinuierliche Begleitung und ein gewisses Maß an finanzieller Unterstützung (z. B. für Veranstaltungen oder kleine Initiativen) sind notwendig, um langfristiges Ehrenamt zu sichern. Eine der wichtigsten Erfahrungen: Menschen engagieren sich eher, wenn sie Gestaltungsspielräume haben und nicht nur als „Helfende“ betrachtet werden.
5. Urban oder ländlich – der Kontext entscheidet
In ländlich geprägten Stadtteilen wie Gnigl war die Vernetzung einfacher als in stark verdichteten Gebieten wie Salzburg Süd. Dort, wo sich die Menschen bereits kennen, lässt sich eine „Umsorgende Gemeinschaft“ schneller etablieren. In städtischen, anonymen Umfeldern sind deutlich mehr Maßnahmen erforderlich, um Menschen zusammenzubringen.
6. Bestehende Strukturen nutzen
Das Projekt konnte stark von den Bewohnerservices der Stadt Salzburg profitieren. Diese bereits etablierten Anlaufstellen boten räumliche und personelle Ressourcen, um das Konzept nachhaltig zu verankern. Eine zentrale Erkenntnis: Erfolgreiche Projekte müssen sich in bestehende kommunale Strukturen einfügen, anstatt Parallelstrukturen aufzubauen.
7. Zielgruppenansprache: Persönlicher Kontakt zählt
Ein häufiger Fehler in Sozialprojekten: Zu glauben, dass Flyer oder Aushänge reichen, um ältere Menschen zu erreichen. Die Praxis zeigte, dass persönliche Kontakte – etwa bei Senior:innen-Treffen, in Apotheken oder über direkte Ansprache durch Fachkräfte – entscheidend sind. Die direkte Einladung zur Teilnahme funktionierte deutlich besser als anonyme Werbematerialien.
8. Freiwillige gewinnen sich durch gemeinsames Tun
Menschen für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen, funktionierte am besten, wenn sie erst einmal unverbindlich mitmachen konnten. Wer sich eingeladen fühlte, kleine Aufgaben zu übernehmen oder bei Veranstaltungen teilzunehmen, war eher bereit, sich dauerhaft einzubringen. Freiwilliges Engagement entsteht nicht auf dem Papier, sondern durch persönliche Erfahrungen.
Fazit: Vom Modell zur gelebten Praxis
Das Projekt „Umsorgende Gemeinschaft“ hat gezeigt, dass es möglich ist, nachhaltige Netzwerke zur Unterstützung älterer Menschen aufzubauen. Entscheidend sind Zeit, klare Strukturen und die gezielte Förderung einer Kultur der Selbstorganisation. Gemeinden, die ähnliche Modelle etablieren möchten, sollten sich nicht nur auf kurzfristige Maßnahmen konzentrieren, sondern langfristige Perspektiven entwickeln. Denn eine starke Gemeinschaft wächst nicht von allein – sie braucht Raum, Zeit und die richtigen Impulse.
Link zur Projektseite „Umsorgende Gemeinschaft“
Titelbild: betterageing
