Wer an Ehrenamt denkt, hat oft ein klares Bild vor Augen: Vereinsvorstand, regelmäßige Sitzungen, jahrelange Verpflichtung. Doch dieses Bild passt immer weniger zur Realität. Genau darum ging es beim ersten Dialogforum Mirabell, zu dem conSalis im Oktober 2025 Vertreter:innen aus Wissenschaft und Praxis eingeladen hatte. Gemeinsam wurde der Frage nachgegangen, wie sich zivilgesellschaftliches Engagement verändert – und was Kommunen tun können, um es zu stärken.
Eines wurde im Austausch schnell deutlich: Freiwilligenarbeit ist heute viel breiter, als klassische Ehrenamtsstrukturen vermuten lassen. Sie reicht von spontaner Nachbarschaftshilfe über Bürger:inneninitiativen bis hin zu stark organisierten Tätigkeiten in Vereinen oder Blaulichtorganisationen. Diese Vielfalt ist eine Stärke – stellt bestehende Strukturen aber auch vor neue Herausforderungen.
Denn Engagement verändert sich. Immer mehr Menschen möchten sich projektbezogen einbringen: für ein konkretes Anliegen, einen Aktionstag oder ein zeitlich begrenztes Projekt. Dauerhafte Verpflichtungen oder unklare Rollen schrecken viele hingegen ab. Wer sich engagiert, möchte wissen: Worum geht es? Was ist meine Aufgabe? Und welchen Unterschied macht mein Einsatz?
Für Städte und Gemeinden bedeutet das: Unterstützung für Freiwilligenarbeit muss vielfältiger werden. Neben finanzieller Förderung und Infrastruktur – etwa Räume oder Öffentlichkeitsarbeit – spielen auch „weiche“ Faktoren eine wichtige Rolle. Sichtbarkeit, Anerkennung und wertschätzende Kommunikation können entscheidend sein. Ebenso wichtig ist der Abbau bürokratischer Hürden, damit Engagement nicht an Formularen und Zuständigkeiten scheitert.
Ein weiterer Punkt aus der Diskussion: Engagement braucht Strukturen. Erfahrungen aus der Fluchtbewegung 2015 zeigen, dass große Wellen der Hilfsbereitschaft schnell wieder abflauen können, wenn sie nicht organisatorisch aufgefangen werden. Die Herausforderung besteht also darin, spontane Initiative in langfristig tragfähige Formen zu überführen – ohne dabei die neue Flexibilität zu ersticken.
Gleichzeitig wurden auch blinde Flecken sichtbar. Besonders anerkannt sind häufig Tätigkeiten in klassischen, oft männlich dominierten Bereichen wie Feuerwehr oder Rettungsdienst. Andere Formen – etwa Nachbarschaftshilfe, Care-Arbeit oder bestimmte Bürgerinitiativen – bleiben dagegen oft weniger sichtbar, obwohl sie gesellschaftlich ebenso wichtig sind.
Die zentrale Erkenntnis des Dialogforums: Engagement ist heute vielfältiger, spontaner und individueller als früher. Eine einheitliche Strategie zu seiner Förderung wird dieser Realität kaum gerecht. Gefragt sind stattdessen flexible Strukturen, persönliche Ansprache und eine Kultur der Wertschätzung, die alle Formen des Engagements sichtbar macht.
Oder anders gesagt: Der gesellschaftliche Zusammenhalt entsteht nicht nur im Vereinslokal – sondern genauso im Nachbarschaftsprojekt, beim Aktionstag oder in der spontanen Initiative um die Ecke. Entscheidend ist, dass Engagement Raum bekommt.
Dialogforum Mirabell 01 Zusammenfassung
Bild: Better Ageing
