Unter dem Radar

Die Wahrnehmung der Vielfalt kreativer Zukunftskräfte

Breite „Entrepreneurship“ für Klimaschutz und soziale Innovation

Es ist nicht neu, dass unsere Gesellschaft vor vielfältigen krisenhaften Herausforderungen steht, die andere, neue Lösungen brauchen. Nicht nur im Bereich des Klimaschutzes, sondern eben auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel Fachkräftemangel, Pflege, Mobilität, Armut oder Chancengleichheit. Ich habe den Eindruck, dass Zukunftsentwicklung vorwiegend der Innovationskraft großer Unternehmen oder der (oft zu wenig vorhandenen) Gestaltungskraft der Politik zugesprochen wird. Für neue Lösungen auf Zukunftsfragen braucht es in der Tat politische Gestaltungsfähigkeit und die Innovationskraft von Wissenschaft, Forschung und Unternehmen.

Aber eben nicht nur alleine.

Übersehen wir dabei nicht, wie sehr Antworten auf Zukunftsfragen von der kreativen Kraft der Vielen abhängen, wie auch die globale Scientific Community an vielen Beispielen zeigt? Auch von vielen kleinen Unternehmen, von Gemeinden und von zivilgesellschaftlichen Kräften, von Studierenden und EPUs, in Summe von einem vielfältigen Kreativ- und Wissenspotenzial in unserer Gesellschaft? Wurde nicht in den letzten Jahren eine breitere Vorstellung von „Entrepreneurship“ propagiert, die weit über klassische Unternehmen hinausreicht, die diese Rolle oft gar nicht einnehmen, weil sie sich vorrangig auf die Vermögensentwicklung ihrer Shareholder konzentrieren? Brauchen die vielen Zukunftsfragen nicht eben eine breite „Entrepreneurship“ von Akteurinnen und Akteuren für gesellschaftliche, wirtschaftliche und umweltbezogene Entwicklungs- und Erneuerungsprozesse?

Ein Beispiel: Für Klimaschutz und Klimawandelanpassung reichen Top-down-Strategien und Masterpläne alleine nicht aus. Es braucht viele Kräfte, die dieses Anliegen zu ihrem machen und es kreativ „auf den Boden“ bringen. Ein anderes Beispiel: Ein gutes Leben und Wohnen „im Alter“ in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft wird nicht nur von attraktiveren Rahmenbedingungen für Pflegekräfte abhängen, sondern auch von einer Vielfalt neuer Modelle für Gesundheitsförderung und umsorgender Gemeinschaften.

Hinzuzufügen ist, dass (nicht nur) Österreich von vorwiegend kleinen Strukturen geprägt ist, seien es Betriebe oder Gemeinden. Es geht daher darum, diese kleinstrukturierte Vielfalt, so ihr ein entsprechender Wert beigemessen wird, zukunftsfähig zu halten – auch gegen den Trend, kleine Strukturen für nicht mehr überlebensfähig bzw. finanzierbar zu halten. Ein Beispiel dafür bilden die derzeit noch existierenden kleinen Bauernhöfe, die gemessen an derzeitigen Standards als nicht mehr wirtschaftlich gelten und einem Konzentrationsprozess weichen sollen. Aber machen diese nicht gerade die Vielfältigkeit und Attraktivität unserer Strukturen und unserer Kulturlandschaft aus, die im Tourismusmarketing kommuniziert wird? Dass es innovative Möglichkeiten für den Weiterbestand kleiner bäuerlicher Betriebe gibt, zeigen Nischenstrategien und neue Erwerbskombinationen. Zum Beispiel wenn sich die Hofbetreiber eines kleinen Goldegger Nebenerwerbsbetriebs auf Gemüseversorgung für Familien und Haushalte aus ihrer Region spezialisieren und ihren beruflichen Hintergrund (Arbeit mit beeinträchtigen Menschen) mit sozial inklusiven Bildungs- und Gemeinschaftsangeboten auf ihrem Hof verbinden.

Politik und Institutionen mit Wahrnehmungsproblemen gegenüber dem Kreativpotenzial unserer Gesellschaft?

Es scheint jedoch, dass dieses Kreativpotenzial unserer Gesellschaft von politischen Parteien und Entscheidungsträger*innen, von Institutionen und Interessenvertretungen zu wenig wahrgenommen und unterschätzt wird. Oft werden kleine Initiativen und Projekte misstrauisch beäugt oder belächelt. Hat dies mit einer Wahrnehmungslogik von Politik und Institutionen zu tun, die vieles, was nicht in vorgegebene Schemata und Muster passt ausblendet? Eine Logik, die alles, was nicht dazugehört bzw. nicht „zu uns“ gehört als nicht relevant erachtet? Kann es sein, dass neue, innovative Ideen, die nicht in den großen Institutionen verankert sind, von diesen dann auch nicht entsprechend wahr- und ernstgenommen werden? Kann es sein, dass es sich dabei um ein schweres Defizit handelt?

Sind daher nicht auch bestehende EU-Förderungsprogramme mindestens in ihrer Umsetzungspraxis, oft falsch angesetzt, wenn sie in der Regel nur organisationsstarken Institutionen und Unternehmen mit entsprechendem Eigenkapitel zugänglich sind, aber nicht in entsprechendem Ausmaß zivilgesellschaftlichen Kräften (Sozial- und Kulturvereinen, EPUs), denen es in der Regel an entsprechenden Eigenmitteln fehlt? Braucht es für vielfältige Antworten auf unsere Zukunftsfragen jenes „Risikokapital“, das für die Start-Up-Szene mobilisiert wird, nicht auch für das breitere kreative Potenzial in unserer Gesellschaft, damit mehr Spielräume für Experimentieren und auch Scheitern entstehen können?

Ich habe über die Jahre den Eindruck gewonnen, dass etablierte Politik und Institutionen mit dem vielfältigen Kreativpotenzial, das sich meist außerhalb ihrer Kreise, Gremien und Kanäle bewegt, nicht viel anzufangen wissen.

Tage der Zukunft in Goldegg 2021 zeigen das vielfältige Kreativpotenzial für Zukunftsfragen auf

Dass es für viele Zukunftsfragen Antworten in Form neuer Ideen und praktischer Beispiele im Kleinen gibt, zeigen seit einigen Jahren die Teilnehmenden an den Formaten des Zukunftslabors Salzburg. Dieses aktiviert und unterstützt Menschen und Projektgruppen mit neuen Ideen in ihrer Konkretisierung und Weiterentwicklung. Und es bietet Good Practice-Beispielen eine Bühne. Vor allem beeindruckt das Engagement und das vielfältige Kreativpotenzial, wie auch an den diesjährigen „Tagen der Zukunft“ im Schloss Goldegg: Sei es ein Projekt zu Bedürfnissen Jugendlicher für Umwelt- und Klimaschutz, die Umwandlung eines Hofes Richtung solidarischer Landwirtschaft, ein sozial inklusives Angebot zur Gestaltung von Freizeit und Alltag, der Aufbau einer regionalen Carsharing-Plattform, ein Bildungsinstrument für Unternehmen und Gemeinden zur spielerischen und effektiven Senkung des CO2-Fussabdrucks, eine Plattform für nachhaltig-innovativ-gemeinwohlorientierten Tourismus, die Entwicklung einer praxistauglichen Güllebelüftung und Gülleaufbereitung in der Landwirtschaft, ein Konzept für kombinierte Energie- und Sozialberatung, Ideen zur Stärkung von KMUs durch eine regional gesteuerte Digitalisierungsplattform oder der Aufbau eines lokalen Zukunftsnetzwerks in einer kleinen Industriegemeinde.

Links zu den Videos zu den „Tagen der Zukunft“ Herbst 2021 in Goldegg zeigen anschaulich dieses Kreativpotenzial auf:

TAGE DER ZUKUNFT: DIE KRAFT DER VIELEN
Zukunftsideen für Klimaschutz und soziale Innovation
3. – 4. 9. 2021 – PROJEKTCOACHING
ein Projekt von conSalis e.Gen. Salzburg
in Kooperation mit dem Institut für Zukunftskompetenzen und dem Kulturverein Schloss Goldegg

TAGE DER ZUKUNFT: DIE KRAFT DER VIELEN
Zukunftsideen für Klimaschutz und soziale Innovation
18. 9. 2021 – BÜHNE DER PROJEKTPRÄSENTATIONEN
ein Projekt von conSalis e.Gen. Salzburg
in Kooperation mit dem Institut für Zukunftskompetenzen und dem Kulturverein Schloss Goldegg
Technischer Support: David Röthler, werdedigital.at

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